Die drei Schwestern

In der ersten Ausgabe der Kinder- und Hausmärchen war noch eine stark reduzierte Nacherzählung der „Bücher der Chronika der drei Schwestern“ an der Stelle 82 enthalten, die folgendermaßen geht:

Die drei Schwestern

Es war einmal ein reicher König, der war so reich, dass er glaubte, sein Reichtum könne gar nicht all werden, da lebte er in Saus und Braus, spielte auf goldenem Brett und mit silbernen Kegeln, und als das eine Zeitlang gewährt hatte, da nahm sein Reichtum ab, und darnach verpfändete er eine Stadt und ein Schloss nach dem andern, und endlich blieb nichts mehr übrig als ein altes Waldschloss. Dahin zog er nun mit der Königin und den drei Prinzessinnen, und sie mussten sich kümmerlich erhalten und hatten nichts mehr als Kartoffeln, die kamen alle Tage auf den Tisch. Einmal wollte der König auf die Jagd, ob er etwa einen Hasen schießen könnte, steckte sich also die Tasche voll Kartoffeln und ging aus. Es war aber in der Nähe ein großer Wald, in den wagte sich kein Mensch, weil fürchterliche Dinge erzählt wurden, was einem all darin begegne: Bären, die die Menschen auffräßen, Adler, die die Augen aushackten, Wölfe, Löwen und alle grausamen Tiere. Der König aber fürchtete sich kein bisschen und ging geradezu hinein. Anfangs sah er gar nichts, große mächtige Bäume standen da, aber es war alles still darunter; als er so eine Weile herumgegangen und hungrig geworden war, setzte er sich unter einen Baum und wollte seine Kartoffeln essen, da kam auf einmal aus dem Dickicht ein Bär hervor, trabte gerade auf ihn los und brummte: „Was unterstehst du dich, bei meinem Honigbaum zu sitzen? Das sollst du mir teuer bezahlen!“ Der König erschrak, reichte dem Bären seine Kartoffeln und wollte ihn damit besänftigen. Der Bär aber fing an zu sprechen und sagte: „Deine Kartoffeln mag ich nicht, ich will dich selber fressen, und davon kannst du dich nicht anders erretten, als dass du mir deine älteste Tochter gibst, wenn du das aber tust, gebe ich dir noch obendrein einen Zentner Gold.“ Der König, in der Angst, gefressen zu werden, sagte: „Die sollst du haben, lass mich nur in Frieden.“ Da wies ihm der Bär den Weg und brummte noch hintendrein: „In sieben Tagen komm ich und hol meine Braut.“
Der König aber ging getrost nach Haus und dachte, der Bär wird doch nicht durch ein Schlüsselloch kriechen können, und weiter soll gewiss nichts offen bleiben. Da ließ er alle Tore verschließen, die Zugbrücken aufziehen und hieß seine Tochter gutes Muts sein, damit sie aber recht sicher vor dem Bärenbräutigam war, gab er ihr ein Kämmerlein hoch unter der Zinne, darin sollte sie versteckt bleiben, bis die sieben Tage herum wären. Am siebenten Morgen aber ganz früh, wie noch alles schlief, kam ein prächtiger Wagen, mit sechs Pferden bespannt und von vielen golden gekleideten Reitern umringt, nach dem Schloss gefahren, und wie er davor war, ließen sich die Zugbrücken von selber herab, und die Schlösser sprangen ohne Schlüssel auf. Da fuhr der Wagen in den Hof, und ein junger schöner Prinz stieg heraus, und wie der König von dem Lärm aufwachte und zum Fenster hinaussah, sah er, wie der Prinz schon seine älteste Tochter oben aus dem verschlossenen Kämmerlein geholt und eben in den Wagen hob, und er konnte ihr nur noch nachrufen:

„Ade! du Fräulein traut,
fahr hin, du Bärenbraut!“

Sie winkte ihm mit ihrem weißen Tüchlein noch aus dem Wagen, und dann ging’s fort, als war der Wind vorgespannt, immer in den Zauberwald hinein. Dem König aber war’s recht schwer ums Herz, dass er seine Tochter an einen Bären hingegeben hatte, und weinte drei Tage mit der Königin, so traurig war er. Am vierten Tag aber, als er sich ausgeweint hatte, dachte er, was geschehen, ist einmal nicht zu ändern, stieg hinab in den Hof, da stand eine Kiste von Ebenholz und war gewaltig schwer zu heben, alsbald fiel ihm ein, was ihm der Bär versprochen hatte, und machte sie auf, da lag ein Zentner Goldes darin und glimmerte und flimmerte.

Wie der König das Gold erblickte, ward er getröstet und löste seine Städte und sein Reich ein und fing das vorige Wohlleben von vorne an. Das dauerte so lang, als der Zentner Gold dauerte, darnach musste er wieder alles verpfänden und auf das Waldschloss zurückziehen und Kartoffeln essen. Der König hatte noch einen Falken, den nahm er eines Tags mit hinaus auf das Feld und wollte mit ihm jagen, damit er etwas Besseres zu essen hätte. Der Falk stieg auf und flog nach dem dunkeln Zauberwald zu, in den sich der König nicht mehr getraute, kaum aber war er dort, so schoss ein Adler hervor und verfolgte den Falken, der zum König floh. Der König wollte mit seinem Spieß den Adler abhalten, der Adler aber packte den Spieß und zerbrach ihn wie ein Schilfrohr, dann zerdrückte er den Falken mit einer Kralle, die andern aber hackte er dem König in die Schulter und rief: „Warum störst du mein Luftreich, dafür sollst du sterben, oder du gibst mir deine zweite Tochter zur Frau!“ Der König sagte: „Ja, die sollst du haben, aber was gibst du mir dafür?“ „Zwei Zentner Gold“, sprach der Adler, „und in sieben Wochen komm ich und hol sie ab“; dann ließ er ihn los und flog fort in den Wald.
Der König war betrübt, dass er seine zweite Tochter auch einem wilden Tiere verkauft hatte, und getraute sich nicht, ihr etwas davon zu sagen. Sechs Wochen waren herum, in der siebenten ging die Prinzessin hinaus auf einen Rasenplatz vor der Burg und wollte ihre Leinwand begießen, da kam auf einmal ein prächtiger Zug von schönen Rittern, und zuvorderst ritt der allerschönste, der sprang ab und rief:

„Schwing, schwing dich auf, du Fräulein traut, komm mit, du schöne Adlerbraut!“

Und eh sie ihm antworten konnte, hatte er sie schon aufs Ross gehoben und jagte mit ihr in den Wald hinein, als flöge ein Vogel: Ade! Ade!!

In der Burg warteten sie lang auf die Prinzessin, aber die kam nicht und kam nicht, da entdeckte der König endlich, dass er einmal in der Not sie einem Adler versprochen, und der werde sie geholt haben. Als aber bei dem König die Traurigkeit ein wenig herum war, fiel ihm das Versprechen des Adlers ein, und er ging hinab und fand auf dem Rasen zwei goldne Eier, jedes einen Zentner schwer. Wer Gold hat, ist fromm genug, dachte er und schlug sich alle schwere Gedanken aus dem Sinn! Da fing das lustige Leben von neuem an und währte so lang, bis die zwei Zentner Gold auch durchgebracht waren, dann kehrte der König wieder ins Waldschloss zurück, und die Prinzessin, die noch übrig war, musste die Kartoffeln sieden.
Der König wollte keine Hasen im Wald und keine Vögel in der Luft mehr jagen, aber einen Fisch hätte er gern gegessen. Da musste die Prinzessin ein Netz stricken, damit ging er zu einem Teich, der nicht weit von dem Wald lag. Weil ein Nachen darauf war, setzte er sich ein und warf das Netz, da fing er auf einen Zug eine Menge schöner rot gefleckter Forellen. Wie er aber damit ans Land wollte, stand der Nachen fest, und er konnte ihn nicht loskriegen, er mochte sich stellen, wie er wollte. Da kam auf einmal ein gewaltiger Walfisch dahergeschnaubt: „Was fängst du mir meine Untertanen weg, das soll dir dein Leben kosten!“ Dabei sperrte er seinen Rachen auf, als wollte er den König samt dem Nachen verschlingen. Wie der König den entsetzlichen Rachen sah, verlor er allen Mut, da fiel ihm seine dritte Tochter ein, und er rief: „Schenk mir das Leben, und du sollst meine jüngste Tochter haben.“ „Meinetwegen“, brummte der Walfisch, „ich will dir auch etwas dafür geben; Gold hab ich nicht, das ist mir zu schlecht, aber der Grund meines Sees ist mit Zahlperlen gepflastert, davon will ich dir drei Säcke voll geben: im siebenten Mond komm ich und hol meine Braut.“ Dann tauchte er unter.
Der König trieb nun ans Land und brachte seine Forellen heim, aber als sie gebacken waren, wollt er keine davon essen, und wenn er seine Tochter ansah, die einzige, die ihm noch übrig war, und die schönste und liebste von allen, war’s ihm, als zerschnitten tausend Messer sein Herz. So gingen sechs Monat herum, die Königin und die Prinzessin wussten nicht, was dem König fehle, der in all der Zeit keine vergnügte Miene machte. Im siebenten Mond stand die Prinzessin gerade im Hof vor einem Röhrbrunnen und ließ ein Glas vollaufen, da kam ein Wagen mit sechs weißen Pferden und ganz silbernen Leuten angefahren, und aus dem Wagen stieg ein Prinz, so schön, dass sie ihr Lebtag keinen schönern gesehen hatte, und bat sie um ein Glas Wasser. Und wie sie ihm das reichte, das sie in der Hand hielt, umfasste er sie und hob sie in den Wagen, und dann ging’s wieder zum Tor hinaus, über das Feld nach dem Teich zu.

„Ade, du Fräulein traut,
fahr hin, du schöne Walfischbraut!“

Die Königin stand am Fenster und sah den Wagen noch in der Ferne, und als sie ihre Tochter nicht sah, fiel’s ihr schwer aufs Herz, und sie rief und suchte nach ihr allenthalben; sie war aber nirgends zu hören und zu sehen. Da war es gewiss, und sie fing an zu weinen, und der König entdeckte ihr nun: ein Walfisch werde sie geholt haben, dem hab er sie versprechen müssen, und darum wäre er immer so traurig gewesen; er wollte sie auch trösten und sagte ihr von dem großen Reichtum, den sie dafür bekommen würden, die Königin wollt aber nichts davon wissen und sprach, ihr einziges Kind sei ihr lieber gewesen als alle Schätze der Welt. Während der Walfischprinz die Prinzessin geraubt, hatten seine Diener drei mächtige Säcke in das Schloss getragen, die fand der König an der Tür stehen, und als er sie aufmachte, waren sie voll schöner großer Zahlperlen, so groß wie die dicksten Erbsen. Da war er auf einmal wieder reich und reicher, als er je gewesen; er löste seine Städte und Schlösser ein, aber das Wohlleben fing er nicht wieder an, sondern war still und sparsam, und wenn er daran dachte, wie es seinen drei lieben Töchtern bei den wilden Tieren ergehen möchte, die sie vielleicht schon aufgefressen hätten, verging ihm alle Lust.

Die Königin aber wollt sich gar nicht trösten lassen und weinte mehr Tränen um ihre Tochter, als der Walfisch Perlen dafür gegeben hatte. Endlich ward’s ein wenig stiller, und nach einiger Zeit ward sie wieder ganz vergnügt, denn sie brachte einen schönen Knaben zur Welt, und weil Gott das Kind so unerwartet geschenkt hatte, ward es Reinald das Wunderkind genannt. Der Knabe ward groß und stark, und die Königin erzählte ihm oft von seinen drei Schwestern, die in dem Zauberwald von drei Tieren gefangen gehalten würden. Als er sechzehn Jahr alt war, verlangte er von dem König Rüstung und Schwert, und als er es nun erhalten, wollte er auf Abenteuer ausgehen, gesegnete seine Eltern und zog fort.
Er zog aber geradezu nach dem Zauberwald und hatte nichts anders im Sinn, als seine Schwestern zu suchen. Anfangs irrte er lange in dem großen Walde herum, ohne einem Menschen oder einem Tiere zu begegnen. Nach drei Tagen aber sah er vor einer Höhle eine junge Frau sitzen und mit einem jungen Bären spielen; einen andern, ganz jungen, hatte sie auf ihrem Schoß liegen. Reinald dachte, das ist gewiss meine älteste Schwester, ließ sein Pferd zurück und ging auf sie zu: „Liebste Schwester, ich bin dein Bruder Reinald, und bin gekommen, dich zu besuchen.“ Die Prinzessin sah ihn an, und da er ganz ihrem Vater glich, zweifelte sie nicht an seinen Worten, erschrak und sprach: „Ach liebster Bruder, eil und lauf fort, was du kannst, wenn dir dein Leben lieb ist, kommt mein Mann, der Bär, nach Haus und findet dich, so frisst er dich ohne Barmherzigkeit.“ Reinald aber sprach: „Ich fürchte mich nicht und weiche auch nicht von dir, bis ich weiß, wie es um dich steht.“ Wie die Prinzessin sah, dass er nicht zu bewegen war, führte sie ihn in ihre Höhle, die war finster und wie eine Bärenwohnung; auf der einen Seite lag ein Haufen Laub und Heu, worauf der Alte und seine Jungen schliefen, aber auf der andern Seite stand ein prächtiges Bett von rotem Zeug mit Gold, das gehörte der Prinzessin. Unter das Bett hieß sie ihn kriechen und reichte ihm etwas hinunter zu essen. Es dauerte nicht lang, so kam der Bär nach Haus: „Ich wittre, wittre Menschenfleisch“, und wollte seinen dicken Kopf unter das Bett stecken. Die Prinzessin aber rief: „Sei ruhig, wer soll hier hineinkommen!“ „Ich hab ein Pferd im Wald gefunden und gefressen“, brummte er und hatte noch eine blutige Schnauze davon, „dazu gehört ein Mensch, und den riech ich“, und wollte wieder unter das Bett. Da gab sie ihm einen Fußtritt in den Leib, dass er einen Burzelbaum machte, auf sein Lager ging, die Tatze ins Maul nahm und einschlief.
Alle sieben Tage war der Bär in seiner natürlichen Gestalt und ein schöner Prinz und seine Höhle ein prächtiges Schloss, und die Tiere im Wald waren seine Diener. An einem solchen Tage hatte er die Prinzessin abgeholt; schöne junge Frauen kamen ihr vor dem Schloss entgegen, es war ein herrliches Fest, und sie schlief in Freuden ein, aber als sie erwachte, lag sie in einer dunkeln Bärenhöhle, und ihr Gemahl war ein Bär geworden und brummte zu ihren Füßen, nur das Bett und alles, was sie angerührt hatte, blieb in seinem natürlichen Zustand unverwandelt. So lebte sie sechs Tage in Leid, aber am siebenten ward sie getröstet, und da sie nicht alt ward und nur der eine Tag ihr zugerechnet wurde, so war sie zufrieden mit ihrem Leben. Sie hatte ihrem Gemahl zwei Prinzen geboren, die waren auch sechs Tage lang Bären und am siebenten in menschlicher Gestalt. Sie steckte sich jedes Mal ihr Bettstroh voll von den köstlichsten Speisen, Kuchen und Früchten, davon lebte sie die ganze Woche, und der Bär war ihr auch gehorsam und tat, was sie wollte.
Als Reinald erwachte, lag er in einem seidenen Bett, Diener kamen, ihm aufzuwarten und ihm die reichsten Kleider anzutun, denn es war gerade der siebente Tag eingefallen. Seine Schwester mit zwei schönen Prinzen und sein Schwager Bär traten ein und freuten sich seiner Ankunft. Da war alles in Pracht und Herrlichkeit und der ganze Tag voll Lust und Freude; am Abend aber sagte die Prinzessin: „Lieber Bruder, nun mach, dass du fort kommst, mit Tagesanbruch nimmt mein Gemahl wieder Bärengestalt an, und findet er dich morgen noch hier, kann er seiner Natur nicht widerstehen und frisst dich auf.“ Da kam der Prinz Bär und gab ihm drei Bärenhaare und sagte: „Wenn du in Not bist, so reib daran, und ich will dir zu Hülfe kommen.“ Darauf küssten sie sich und nahmen Abschied, und Reinald stieg in einen Wagen, mit sechs Rappen bespannt, und fuhr fort. So ging’s über Stock und Stein, bergauf, bergab, durch Wüsten und Wälder, Horst und Hecke, ohne Ruh und Rast, bis gegen Morgen, als der Himmel anfing, grau zu werden, da lag Reinald auf einmal auf der Erde, und Ross und Wagen war verschwunden, und beim Morgenrot erblickte er sechs Ameisen, die galoppierten dahin und zogen eine Nussschale.
Reinald sah, dass er noch in dem Zauberwald war, und wollte seine zweite Schwester suchen. Wieder drei Tage irrte er umsonst in der Einsamkeit, am vierten aber hörte er einen großen Adler daherrauschen, der sich auf ein Nest niederließ. Reinald stellte sich ins Gebüsch und wartete, bis er wieder wegflog, nach sieben Stunden hob er sich auch wieder in die Höhe. Da kam Reinald hervor, trat vor den Baum und rief: „Liebste Schwester, bist du droben, so lass mich deine Stimme hören, ich bin Reinald, dein Bruder, und bin gekommen, dich zu besuchen!“ Da hörte er es herunter rufen: „Bist du Reinald, mein liebster Bruder, den ich noch nicht gesehen habe, so komm herauf zu mir.“ Reinald wollte hinaufklettern, aber der Stamm war zu dick und glatt, dreimal versuchte er’s, aber umsonst, da fiel eine seidene Strickleiter hinab, auf der stieg er bald zu dem Adlernest, das war stark und fest wie eine Altane auf einer Linde. Seine Schwester saß unter einem Thronhimmel von rosenfarbener Seide, und auf ihrem Schoß lag ein Adlerei, das hielt sie warm und wollt es ausbrüten. Sie küssten sich und freuten sich, aber nach einer Weile sprach die Prinzessin: „Nun eil, liebster Bruder, dass du fort kommst, sieht dich der Adler, mein Gemahl, so hackt er dir die Augen aus und frisst dir das Herz ab, wie er dreien deiner Diener getan, die dich im Walde suchten.“ Reinald sagte: „Nein, ich bleibe hier, bis dein Gemahl verwandelt wird.“ „Das geschieht erst in sechs Wochen, doch wenn du es aushalten kannst, steck dich in den Baum, der inwendig hohl ist, ich will dir alle Tage Essen hinunterreichen.“ Reinald kroch in den Baum, die Prinzessin ließ ihm alle Tage Essen hinunter, und wenn der Adler wegflog, kam er herauf zu ihr. Nach sechs Wochen geschah die Umwandlung, da erwachte Reinald wieder in einem Bett wie bei seinem Schwager Bär, nur dass alles noch prächtiger war, und er lebte sieben Tage bei dem Adlerprinz in aller Freude. Am siebenten Abend nahmen sie Abschied, der Adler gab ihm drei Adlerfedern und sprach: „Wenn du in Not bist, so reib daran, und ich will dir zu Hülfe kommen.“ Dann gab er ihm Diener mit, ihm den Weg zu zeigen, als aber der Morgen kam, waren sie auf einmal fort und Reinald in einer furchtbaren Wildnis auf einer hohen Felsenwand allein.
Reinald blickte um sich her, da sah er in der Ferne den Spiegel einer großen See, auf dem eben die ersten Sonnenstrahlen glänzten. Er dachte an seine dritte Schwester, und dass sie dort sein werde. Da fing er an hinab zu steigen und arbeitete sich durch die Büsche und zwischen den Felsen durch; drei Tage verbrachte er damit und verlor oft den See aus den Augen, aber am vierten Morgen gelangte er hin. Er stellte sich an das Ufer und rief: „Liebste Schwester, bist du darin, so lass mich deine Stimme hören, ich bin Reinald, dein Bruder, und bin gekommen, dich zu besuchen“; aber es antwortete niemand, und war alles ganz still. Er bröselte Brotkrumen ins Wasser und sprach zu den Fischen: „Ihr lieben Fische, geht hin zu meiner Schwester und sagt ihr, dass Reinald das Wunderkind da ist und zu ihr will.“ Aber die rot gefleckten Forellen schnappten das Brot auf und hörten nicht auf seine Worte. Da sah er einen Nachen, alsbald warf er seine Rüstung ab und behielt nur sein blankes Schwert in der Hand, sprang in das Schiff und ruderte fort. So war er lang geschwommen, als er einen Schornstein von Bergkristall über dem Wasser ragen sah, aus dem ein angenehmer Geruch hervor stieg. Reinald ruderte darauf hin und dachte, da unten wohnt gewiss meine Schwester, dann setzte er sich in den Schornstein und rutsche hinab. Die Prinzessin erschrak recht, als sie auf einmal ein Paar Menschenbeine im Schornstein zappeln sah, bald kam ein ganzer Mann herunter und gab sich als ihren Bruder zu erkennen. Da freute sie sich von Herzen, dann aber ward sie betrübt und sagte: „Der Walfisch hat gehört, dass du mich aufsuchen willst, und hat geklagt, wenn du kämst und er sei Walfisch, könne er seiner Begierde, dich zu fressen, nicht widerstehen und würde mein kristallenes Haus zerbrechen, und dann würde ich auch in den Wasserfluten umkommen.“ „Kannst du mich nicht so lang verbergen, bis die Zeit kommt, wo der Zauber vorbei ist?“ „Ach nein, wie sollte das gehen, siehst du nicht, die Wände sind alle von Kristall und ganz durchsichtig“, doch sann sie und sann, endlich fiel ihr die Holzkammer ein, da legte sie das Holz so künstlich, dass von außen nichts zu sehen war, und dahinein versteckte sie das Wunderkind. Bald darauf kam der Walfisch, und die Prinzessin zitterte wie Espenlaub, er schwamm ein paar Mal um das Kristallhaus, und als er ein Stückchen von Reinalds Kleid aus dem Holz hervorgucken sah, schlug er mit dem Schwanz, schnaubte gewaltig, und wenn er mehr gesehen, hätte er gewiss das Haus eingeschlagen. Jeden Tag kam er einmal und schwamm darum, bis endlich im siebenten Monat der Zauber aufhörte. Da befand sich Reinald in einem Schloss, das an Pracht gar des Adlers seines übertraf und mitten auf einer schönen Insel stand; nun lebte er einen ganzen Monat mit seiner Schwester und Schwager in aller Lust, als der aber zu Ende war, gab ihm der Walfisch drei Schuppen und sprach: „Wenn du in Not bist, so reib daran, und ich will dir zu Hülfe kommen“, und ließ ihn wieder ans Ufer fahren, wo er noch seine Rüstung fand.
Das Wunderkind zog darauf sieben Tage in der Wildnis weiter, und sieben Nächte schlief es unter freiem Himmel, da erblickte es ein Schloss mit einem Stahltor und einem mächtigen Schloss daran. Vorn aber ging ein schwarzer Stier mit funkelnden Augen und bewachte den Eingang. Reinald ging auf ihn los und gab ihm auf den Hals einen gewaltigen Streich, aber der Hals war von Stahl, und das Schwert zerbrach darauf, als wäre es Glas. Er wollte seine Lanze brauchen, aber die zerknickte wie ein Strohhalm, und der Stier fasste ihn mit den Hörnern und warf ihn in die Luft, dass er auf den Ästen eines Baums hängen blieb. Da besann sich Reinald in der Not auf die drei Bärenhaare, rieb sie in der Hand, und in dem Augenblick kam ein Bär dahergetrabt, kämpfte mit dem Stier und zerriss ihn. Aber aus dem Bauch des Stiers flog ein Entvogel in die Höhe und eilig weiter; da rieb Reinald die drei Adlerfedern, alsbald kam ein mächtiger Adler durch die Luft und verfolgte den Vogel, der gerade nach einem Weiher floh, schoss auf ihn herab und zerfleischte ihn; aber Reinald hatte gesehen, wie er noch ein goldnes Ei hatte ins Wasser fallen lassen. Da rieb er die drei Fischschuppen in der Hand, gleich kam ein Walfisch geschwommen, verschluckte das Ei und spie es ans Land. Reinald nahm es und schlug es mit einem Stein auf, da lag ein kleiner Schlüssel darin, und das war der Schlüssel, der die Stahltür öffnete. Und wie er sie nur damit berührte, sprang sie von selber auf, und er trat ein, und vor den andern Türen schoben sich die Riegel von selber zurück, und durch ihrer sieben trat er in sieben prächtige hell erleuchtete Kammern, und in der letzten Kammer lag eine Jungfrau auf einem Bett und schlief. Die Jungfrau war aber so schön, dass er ganz geblendet davon ward, er wollte sie aufwecken, das war aber vergebens, sie schlief so fest, als wäre sie tot. Da schlug er vor Zorn auf eine schwarze Tafel, die neben dem Bett stand; in dem Augenblick erwachte die Jungfrau, fiel aber gleich wieder in den Schlaf zurück, da nahm er die Tafel und warf sie auf den steinernen Boden, dass sie in tausend Stücken zersprang. Kaum war das geschehen, so schlug die Jungfrau die Augen hell auf, und der Zauber war gelöst. Sie war aber die Schwester von den drei Schwägern Reinalds, und weil sie einem gottlosen Zauberer ihre Liebe versagt, hatte er sie in den Todesschlaf gesenkt und ihre Brüder in Tiere verwandelt, und das sollte so lang währen, als die schwarze Tafel unversehrt blieb.
Reinald führte die Jungfrau heraus, und wie er vor das Tor kam, da ritten von drei Seiten seine Schwäger heran und waren nun erlöst, und mit ihnen ihre Frauen und Kinder, und die Adlerbraut hatte das Ei ausgebrütet und ein schönes Fräulein auf dem Arm; da zogen sie alle zu dem alten König und der alten Königin, und das Wunderkind brachte seine drei Schwestern mit nach Haus, und bald vermählte es sich mit der schönen Jungfrau; da war Freude und Lust in allen Ecken; und die Katz läuft nach Haus, mein Märchen ist aus.
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Schlank war und ist schick …

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Notizen einer Dickmadam

Beim Märchenerzähler Musäus (1735 – 1787)findet man , wenn er die Schönheit eines Menschen beschreibt, oft den Hinweis auf die „schlanke Gestalt“.

Wie zum Beispiel in seiner Libussa:

…“Tue also“, sprach die Elfe, „es soll dich nicht gereuen.“ Hierauf verschwand sie, und es rauschte oben in dem Wipfel nicht anders, als ob sich ein lautes Abendlüftchen darin verfangen hätte und das Laub bewegte. Krokus stund noch eine Weile ganz entzückt über die himmlische Gestalt, die ihm erschienen war. So ein zartes weibliches Geschöpf von schlankem Wuchs und herrlichem Anstand war ihm unter den kurzstämmigen slavischen Dirnen nie vorgekommen. Endlich streckte er sich aufs weiche Moos, ob ihm gleich kein Schlaf in die Augen kam.

oder

Die schlanken Fräuleins hüpften, wie sie bei dem abendlichen Besuch ihrer Mutter zu tun pflegten, derselben freudig entgegen, gaben Rechenschaft von ihrem Tagewerke, brachten ihre Stickerei und Nähwerk zum Beweis ihres kunstreichen Fleißes herbei…

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Eine Inspiration zu den Büchern der Chronika der drei Schwestern

Könnte als  Basiles Pentameron, die folgende Geschichte aus dem 4.Tag gewesen sein:

3. Die drei Tierbrüder

Nicht wenige von den Zuhörern wurden durch das von Marcuccio seinem Bruder bewiesene Mitleid tief gerührt, und alle kamen darin überein, daß die Tugend einen sicheren Reichtum verleiht, den weder die Welt vermehrt noch ein Sturm fortführt, noch die Motten fressen, so wie im Gegenteil die anderen Güter des menschlichen Lebens gehen und kommen und das unrecht erworbene Gut nie von Kindeskind genossen wird. Endlich setzte jedoch Meneca als Beilage zu dem eben vernommenen Ereignis folgende Geschichte auf die Tafel der Märchengerichte auf.

Es war einmal ein König von Grünhügel, der drei Töchter, drei wahre Edelsteine, besaß. Für diese hatten nun zwar die drei Söhne des Königs von Schönau eine heftige Liebe gefaßt; da sie jedoch von einer Fee verwünscht und in Tiere verwandelt waren, wollte der König von Grünhügel ihnen seine Töchter nicht zu Frauen geben; weshalb der älteste, der die Gestalt eines schönen Falken hatte, alle Vögel zu einer Versammlung zusammenrief und den Finken, Zaunkönigen, Auerhühnern, Baumhackern, Fliegenschnäppern, Hähern, Spechten, Gimpeln, Kuckucken, Amseln und allem anderen Federgetier, die sämtlich auf seinen Ruf erschienen, den Befehl erteilte, alle Blüten der Bäume in Grünhügel ohne Ausnahme zu zerstören, so daß weder Blüten noch Blätter zurückblieben. Der zweite, der ein Hirsch war, berief alle Ziegen, Kaninchen, Hasen, Stachelschweine und alle anderen Tiere jenes Landes und ließ sämtliche Saatfelder dergestalt verheeren, daß auch nicht ein Halm übrigblieb. Der dritte aber, ein Delphin, verabredete sich mit unzähligen Seeungeheuern und erregte an der Küste einen so gewaltigen Sturm, daß auch nicht eine Barke der Vernichtung entging. Als nun der König sah, daß es immer übler wurde und er den Schaden nicht abzuwehren vermochte, den diese drei ungestümen Liebhaber ihm zufügten, so beschloß er, sich aus diesen Nöten zu befreien, und war es zufrieden, ihnen seine Töchter zu Frauen zu geben, worauf sie, ohne Feste noch Musik zu verlangen, ihre Weiber aus dem Lande führten. Beim Scheiden aber gab die Königin Grazolla jeder der drei Töchter einen Ring, der den übrigen beiden auf das genaueste glich, indem sie zu ihnen sagte, daß, wenn sie sich einmal trennen müßten und nach einiger Zeit wiederfinden oder auch irgendeinen anderen ihrer Verwandten sehen wollten, so würden sie sich an diesen Ringen wiedererkennen.

Nachdem sie Abschied genommen und sich auf den Weg begeben hatten, brachte der Falke die älteste der Schwestern, Fabiella, auf einen ungeheuer hohen Berg, der bis über die Wolken hinausging und mit dem trockenen Gipfel bis dahin reichte, wo es nie regnet, ließ sie hier in einem schönen Palast wohnen und hielt sie wie eine Königin. Der Hirsch führte die zweite Schwester, namens Vasta, in einen Wald, der so dicht war, daß die Dunkelheit, wenn sie von der Nacht herbeigerufen wurde, nicht wußte, wie sie herauskommen sollte, um ihrem Ruf Folge zu leisten, und dort wohnte sie, wie es ihrem Range gebührte, in einem wunderschönen Palast, bei dem sich ein ebenso herrlicher Garten befand. Der Delphin aber schwamm mit Rita, der dritten Schwester, auf den Schultern mitten ins Meer, wo sie auf einem Felsen ein so prächtiges Gebäude antraf, daß selbst ein gekröntes Haupt darin hätte Aufenthalt nehmen können.

Bald nach der Abreise ihrer Töchter gebar Grazolla noch einen schönen Knaben, der den Namen Tittone erhielt. Als er aber sechzehn Jahr alt war und die Mutter immer darüber jammern hörte, daß sie von seinen an drei Tiere verheirateten Schwestern nie wieder etwas gehört hätte, setzte er es sich in den Kopf, so lange die Welt zu durchstreifen, bis er etwas von ihnen vernähme. Nachdem er daher die Eltern sehr lange gequält hatte, erlaubten sie ihm auszuziehen und gaben ihm alle Reiseausrüstung und Begleitung mit, die für einen Prinzen wie er notwendig war und ziemte, die Mutter aber insbesondere einen Ring, denen ganz ähnlich, die sie den Töchtern gegeben hatte. Tittone nun ließ keine Ecke Italiens, keinen Winkel Frankreichs, keinen Teil Spaniens ununtersucht, und nachdem er England durchzogen, Slawonien durchstreift, Polen durchstöbert, mit einem Wort den Osten und Westen durchwandert und seine Diener teils in den Wirtshäusern, teils in den Spitälern zurückgelassen hatte sowie ohne einen Dreier in der Tasche geblieben war, langte er auf dem von dem Falken und Fabiella bewohnten Berge an. Während er aber ganz außer sich vor Erstaunen dastand und die Pracht des Palastes, die Ecksteine von Porphyr, die Mauern von Alabaster, die goldenen Fenster und silbernen Ziegel bewunderte, wurde er von seiner Schwester erblickt, die ihn sogleich hereinrufen ließ und befragte, wer er wäre, woher er käme und welche Veranlassung ihn in jenes Land geführt. Kaum hatte daher Tittone ihr seine Heimat, seine Eltern und seinen Namen angesagt, so erkannte Fabiella in ihm ihren Bruder und um so mehr, als sie den Ring, den er am Finger trug, mit dem, den sie von der Mutter erhalten, verglich, und nachdem sie ihn mit großer Freude umarmt, verbarg sie ihn aus Furcht, daß ihr Mann über seine Ankunft unwillig sein möchte. Sobald nun der Falke nach Hause gekehrt war, fing Fabiella an, davon zu reden, was für ein großes Verlangen nach den Ihrigen sie ergriffen hätte, worauf jedoch der Falke erwiderte: »Laß dir diesen Wunsch nur vergehen, liebe Frau; denn er ist ganz vergeblich, solange ich nicht Lust habe, ihn zu erfüllen.« – »Wenigstens«, entgegnete Fabiella, »lasse mir einen meiner Verwandten holen, der einige Zeit bei mir bleiben kann.« – »Und wer«, versetzte der Falke, »wird einen so weiten Weg machen, um dich zu sehen?« – »Und wenn nun jemand käme«, entgegnete Fabiella, »würdest du darüber ungehalten sein?« – »Warum sollte ich darüber ungehalten sein«, erwiderte der Falke, »es wäre genug, daß es ein Verwandter von dir wäre, damit ich ihn auf Händen trüge.«

Als Fabiella dies vernahm, so faßte sie sich ein Herz, ließ ihren Bruder hervorkommen und stellte ihn dem Falken vor, welcher alsobald ausrief: »Verwandtenblut ist treu und gut, das Wasser dringt durch den Stiefel und die Freundschaft durch den Handschuh; sei mir tausendmal willkommen, betrachte dich als Herrn dieses Hauses, befiehl, was du wünschst, und schalte, wie dir gutdünkt.« Und zugleich gebot er seinen Dienern, Tittone wie ihn selbst zu respektieren und zu bedienen. Nach einem vierzehntägigen Aufenthalt bei seiner Schwester aber dachte Tittone daran, auch seine anderen beiden Schwestern aufzusuchen, und verabschiedete sich daher von Fabiella und ihrem Gemahl, welch letzterer ihm eine seiner Federn schenkte und dabei sagte: »Nimm diese Feder, lieber Tittone, und achte sie wert, denn wenn du dich einmal in großer Not befinden solltest, wirst du sie für einen großen Schatz halten; bewahre sie also sorgfältig, und wenn du Hilfe bedarfst, so sage: ›Komm her, komm her!‹ Und du wirst mit mir zufrieden sein.« Tittone packte die Feder in ein Stück Papier, das er dann in einen Beutel steckte, und verabschiedete sich hierauf unter tausend gegenseitigen Versicherungen der Liebe und Freundschaft.

Nachdem er nun wieder einen erschrecklich weiten Weg zurückgelegt hatte, langte er in dem Walde an, in dem der Hirsch mit Vasta wohnte, und da er fast tot vor Hunger in den Garten trat, um einige Früchte abzupflücken, wurde er von der Schwester gesehen und von ihr ebenso wie von Fabiella erkannt, worauf sie ihn ihrem Gemahl vorstellte, der ihn auf das freundlichste empfing und wie einen Prinzen bewirtete. Aber auch von hier reiste Tittone nach vierzehn Tagen wieder ab, um die dritte Schwester aufzusuchen, und erhielt von dem Hirsch eins seiner Haare mit denselben Worten, wie sie der Falke bei Überreichung der Feder gesprochen. Hierauf begab sich Tittone mit einem Beutel Geld, den ihm der Falke, und mit einem andern, den ihm der Hirsch gegeben, wieder auf den Weg und zog immer weiter, bis er endlich ans Ende der Erde gelangte, und da er nun nicht mehr zu Fuß weiterkommen konnte, mietete er ein Schiff in der Absicht, alle Inseln zu durchsuchen und so vielleicht etwas von seiner Schwester zu vernehmen. Er ging daher unter Segel und fuhr so lange auf der See umher, bis er bei der Insel anlangte, auf der der Delphin mit Rita wohnte, und kaum ans Land gestiegen, wurde er von dieser ebenso erkannt wie früher von den beiden anderen Schwestern und von dem Schwager mit aller nur denkbaren Freundlichkeit empfangen. Sobald aber Tittone auch von dort abreisen wollte, um nach so langer Zeit endlich seine Eltern wiederzusehen, gab der Delphin ihm eine seiner Schuppen mit denselben Worten wie die anderen beiden Schwäger; worauf Tittone sich zu Pferd setzte und auf den Weg begab. Er war jedoch kaum eine halbe Meile vom Meeresufer entfernt, als er in einen Wald kam, in dem die Furcht und die Nacht ihren Wohnsitz hatten und ein beständiger Markt des Grauens und der Dunkelheit gehalten wurde. In diesem Waide nun sah Tittone inmitten eines Sees, der die Füße der Bäume küßte, damit sie die Sonne sein greuliches Gewässer nicht sehen ließen, einen hohen Turm und an einem seiner Fenster eine sehr schöne Jungfrau zu Füßen eines schlafenden Drachen. Als sie Tittone erblickte, rief sie ihm mit leiser Stimme zu: »Schöner Jüngling, den mir vielleicht der Himmel als Retter aus meinem Elend hierhergesandt, wo nie eine Christenseele sich sehen läßt, befreie mich doch aus der Gewalt dieser Schlange, die mich meinem Vater, dem König von Helltal, entrissen und in diesen schauerlichen Turm gesperrt hat, wo ich vor Jammer und Leid meinem Tode entgegengehe.« – »Schöne Jungfrau«, versetzte Tittone, »wie soll ich es anfangen, um deinem Wunsch zu willfahren? Wer könnte über diesen See setzen? Wer den Turm ersteigen? Wer diesem furchtbaren Drachen nahen, dessen Anblick in Schrecken setzt, Grauen sät und Entsetzen erweckt? Jedoch habe nur Geduld und warte ein bißchen, vielleicht gelingt es mir, diese Schlange durch Hilfe anderer zu verjagen; aber nur sachte und langsam; denn Eile mit Weile; wir werden bald sehen, was dahintersteckt.« Und indem er so sprach, warf er die Feder, das Haar und die Schuppe, die er von seinen Schwägern erhalten, auf einmal zu Boden, wobei er ausrief: »Komm her, komm her!« Und kaum hatten sie die Erde berührt, als sie auch gleich einem Sommerregen, der die Frösche hervorlockt, plötzlich den Falken, den Hirsch und den Delphin herbeibrachten, die zu gleicher Zeit ausriefen: »Hier sind wir! Was wünschst du?« Als Tittone sie erblickte, sagte er voller Freude: »Ich wünsche nichts weiter, als diese arme Jungfrau den Klauen jenes Drachen zu entreißen, sie aus dem Turme fortzuführen, alles zu zertrümmern und die schöne Jungfrau selbst als Frau mit mir nach Hause zu führen.« – »Nur gelassen«, versetzte der Falke, »denn ehe du dich dessen versiehst, wird geschehen, was du willst; es soll nicht lange dauern, bis das Ungetüm zu Kreuze kriechen und tanzen wird, wie du pfeifst.« – »Wir wollen keine Zeit verlieren«, begann nun der Hirsch, »denn was du tun willst, tu bald.« Und nachdem sie so gesprochen, ließ der Falke eine Schar Greife herbeikommen, die an das Fenster des Turmes flogen, die Jungfrau fortführten und über den See an den Ort trugen, wo sich Tittone mit den Schwägern befand, und wenn sie in der Ferne dem Monde geglichen hatte, so schien sie in der Nähe eine Sonne, so glänzend war ihre Schönheit.

Während sie jedoch Tittone eben noch umarmte und herzte, erwachte der Drache und kam, sich aus dem Fenster stürzend, herbeigeschwommen, um Tittone zu verschlingen, als der Hirsch plötzlich eine Schar Löwen, Tiger, Panther, Bären und Meerkatzen erscheinen ließ, die alsbald über den Drachen herfielen und ihn mit ihren Klauen in kleine Stücke zerrissen. Indem nun Tittone hierauf weiterreisen wollte, begann der Delphin: »Auch ich will etwas tun, um mich dir dienstwillig zu erweisen.« Und damit auch nicht die allergeringste Spur von einem so verwünschten unseligen Orte übrigbliebe, machte er, daß der See furchtbar anschwoll, sein Ufer übertrat und mit solcher Wut auf den Turm losstürzte, daß er ihn von Grund aus zerstörte. Tittone dankte nun seinen Schwägern von ganzem Herzen und forderte die Prinzessin auf, desgleichen zu tun, da sie durch die Hilfe jener aus so großer Bedrängnis befreit worden war. »Im Gegenteil«, sagten die drei Tierbrüder, »wir müssen dieser schönen Jungfrau danken, da sie die Ursache ist, daß wir unsere natürliche Gestalt wiedererlangen. Bei unserer Geburt nämlich wurden wir wegen eines Verdrusses, den unsere Mutter einer Fee verursachte, von dieser verwünscht, daß wir so lange in Tiere verwandelt sein sollten, bis wir eine Königstochter aus großer Not befreit hätten. Diese von uns so ersehnte Zeit ist nun endlich erschienen und der Zauber gelöst; schon fühlen wir einen neuen Geist in unserer Brust und neues Blut in unseren Adern.« Und während sie so sprachen, verwandelten sie sich in drei schöne Jünglinge, von denen einer nach dem anderen den Schwager umarmte und dessen Braut herzlich die Hand schüttelte, die inzwischen vor Freude ganz außer sich geraten war. Als Tittone dieses alles sah, stieß er einen tiefen Seufzer aus, als wenn es sein letzter gewesen wäre, und sprach: »Mein Gott, warum hat mein Vater und meine Mutter nicht auch teil an dieser großen Freude? Denn sie würden beim Anblick so schöner, liebenswürdiger Schwiegersöhne vor Entzücken außer sich geraten.« – »Noch ist nicht aller Tage Abend«, versetzten die drei Brüder; »denn die Scham darüber, in Tiergestalt erscheinen zu müssen, zwang uns, die Augen der Menschen zu fliehen. Da wir uns aber jetzt, Gott sei Dank, vor den Leuten sehen lassen können, so wollen wir nebst unseren Frauen von nun an auch sämtlich unter einem Dache wohnen und unser Leben in Freude und Fröhlichkeit zubringen. Darum hurtig auf den Weg gemacht; denn ehe die Sonne morgen früh ihre Strahlenballen am Zollhaus des Ostens auspackt, müssen wir alle bei unseren Weibern sein.« Damit sie nun aber nicht nötig hätten, zu Fuß zu gehen, da nichts anderes da war als die abgemagerte Schindmähre, die Tittone getragen hatte, ließen die Brüder eine von sechs Löwen gezogene, sehr schöne Karosse erscheinen, die alle fünf bestiegen und in der sie nach ununterbrochenem Fahren des Abends in einem Wirtshause anlangten, woselbst sie während der Zubereitung des Nachtessens sich die Zeit damit vertrieben, all die Zeugnisse menschlicher Dummheit zu lesen, die an die Wände geschmiert waren. Nachdem man aber gehörig geschluckt und sich zu Bett gelegt hatte, stahlen sich die drei Brüder heimlich fort und verwandten die Nacht dergestalt, daß, als die Sterne, verschämt wie die Jungfern, sich des Morgens den Blicken der Sonne entzogen, sie sich sämtlich mit ihren Weibern in dem nämlichen Wirtshause einfanden, worauf eine allgemeine Umarmung stattfand und alle von Lust und Freude erfüllt waren. Alsdann setzten sich alle acht wieder in denselben Wagen und kamen nach einer langen Reise in Grünhügel an, wo sie von dem König und der Königin mit unsäglichem Jubel empfangen wurden, da diese nicht nur das verloren geglaubte Kapital von vier Kindern wiedererlangt, sondern auch noch drei Schwiegersöhne und eine Schwiegertochter, die man die vier Stützen des Tempels der Schönheit nennen konnte, als Zinsen dazubekommen hatten. Auch die Könige von Schönau und Helltal wurden unverzüglich von dem glücklichen Ereignis in Kenntnis gesetzt und erschienen alle beide bei den hierauf veranstalteten Festen, indem sie zum Ragout des allgemeinen Jubels auch ihren Anteil von dem Schmalz der Freude hinzutaten, so daß alle für die früheren Drangsale reichen Ersatz empfanden; denn:

Durch einer einz’gen Stunde Freuden
vergisst man tausendjähriges Leiden.

Textbearbeitung von Hans Fraungruber

Hand Fraungruber bearbeitete schon einmal das Musäus-Märchen „Die Nymphe des Brunnens“ und nach oberflächlichem Vergleich muss ich sagen, hat er gut gemacht, hätte ich auch so gemacht.

Man findet seine Bearbeitung zusammen mit schönen Illustrationen von Ignaz Taschner hier

 

Das Buch kann man auch als kostenloses E-Buch bei amazon.de herunterladen, allerdings wurden die schönen Bilder nur versprochen und dann doch nicht eingefügt. Meine Einschätzung kann man  in meiner Produktrezension auf amazon lesen.

Goethe und Musäus

Was auch immer ich an Anmerkungen oder anderen Texten von Goethe lesen kann, es bleibt das Gefühl, Goethe war zwiegespalten, wenn es um Musäus ging.
So findet man in „Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich von Müller“ den folgenden Ausspruch von Goethe über Musäus (der bei seinen Schülern beliebt war), als es im Gespräch um Humor ging:

Nur wer kein Gewissen oder keine Verantwortung hat kann humoristisch sein. Musäus konnte es sein, der seine Schule schlecht genug versah und sich um Nichts und um Niemand bekümmerte. Freilich humoristische Augenblicke hat wohl Jeder ; aber es kommt darauf an, ob der Humor eine beharrliche Stimmung ist, die durchs ganze Leben geht.

Einigen wird Goethes Gedicht über  Lavaters  „Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ (4 Bände, 1775–78) und die Musäus-Erwiderung in Romanform „Physiognomische Reisen“ bekannt sein, in dem Goethe so elegant erklärt, dass der Musäustext irgendwie doch unmusisch wäre (mit Satire gab sich keine der neun Musen ab) und gleichzeitig mit der Namensdeutung spielt, wenn man davon ausgeht, der Name Musäus wäre aus dem Altgriechischen oder dem Lateinischen übernommen worden.

griech. μουσεῖος mouseîos, μοισαῖος moisaîos ‚die Musen betreffend‘

lat. mūsēus, mūsaeus ‚die Musen betreffend‘

Lavater1792

Physiognomische Reisen

Die Physiognomisten

Sollt‘ es wahr sein, was uns der rohe Wandrer verkündet,
Dass die Menschengestalt von allen sichtlichen Dingen
Ganz allein uns lüge, dass wir, was edel und albern,
Was beschränkt und groß, im Angesichte zu suchen,
Eitele Toren sind, betrogne, betrügende Toren?
Ach! Wir sind auf den dunkelnen Pfad des verworrenen Lebens
Wieder zurückgescheucht, der Schimmer zu Nächten verfinstert.

Der Dichter

Hebet eure zweifelnden Stirnen empor, ihr Geliebten!
Und verdient nicht den Irrtum, hört nicht bald diesen, bald jenen.
Habt ihr eurer Meister vergessen? Auf! Kehret zum Pindus,
Fraget dorten die Neune, der Grazien nächste Verwandte!
Ihnen allein ist gegeben, der edlen stillen Betrachtung
Vorzustehn. Ergebet euch gern der heiligen Lehre,
Merket bescheiden leise Worte. Ich darf euch versprechen:
Anders sagen die Musen, und anders sagt es Musäus.

Artikel von Friedrich Hofmann in der „Gartenlaube“ Heft 15 von 1867

Ein alter Liebling der deutschen Jugend.

Unter den Männern, welche das Weimar der Herzogin Amalie und ihres Sohnes Karl August zum strahlendsten Glanzpunkt deutschen Geisteslebens erhoben, wird jetzt selten auch Derjenige mitgenannt, dessen Andenken wir mit diesen Zeilen und dem sie schmückenden Bilde erneuen wollen. Neben dem Viergestirn „Goethe, Schiller, Herder, Wieland“ erblaßten alle anderen Weimarischen Lichter am Literaturhimmel, wenn sie auch der öffentlichen Beachtung deshalb nicht entgingen. Dennoch war es dem Einen beschieden, eine nicht geringe Zeit lang den Herzen der gesammten deutschen Jugend – ja wir dürfen dazu die jugendfrisch gebliebenen Herzen jedes Alters rechnen – näher zu stehen, wenigstens im Hause ihr viel intimerer Liebling zu sein, als jene vier öffentlich Alleingefeierten, und dies Alles war ihm gelungen durch einen einzigen glücklichen Griff in die Schätze unseres Volksthums. Wir meinen Musäus und seine Volksmärchen der Deutschen.
Schon zwanzig Jahre vor dem ersten Erscheinen der Volksmärchen war Musäus als erzählender und humoristisch-satirischer Schriftsteller aufgetreten, aber alle diese Schriften, wie verdienstlich sie an sich waren und als wie geistvoll und formgewandt ihr Verfasser sich durch sie erwies, sind dennoch mit seinem Namen bis heute über der Fluth der Vergessenheit erhalten worden nur durch seine Volksmärchen und durch die aus ihnen am reinsten sprechende Originalität und Liebenswürdigkeit seines Charakters.

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