Goethe und Musäus

Was auch immer ich an Anmerkungen oder anderen Texten von Goethe lesen kann, es bleibt das Gefühl, Goethe war zwiegespalten, wenn es um Musäus ging.
So findet man in „Goethes Unterhaltungen mit dem Kanzler Friedrich von Müller“ den folgenden Ausspruch von Goethe über Musäus (der bei seinen Schülern beliebt war), als es im Gespräch um Humor ging:

Nur wer kein Gewissen oder keine Verantwortung hat kann humoristisch sein. Musäus konnte es sein, der seine Schule schlecht genug versah und sich um Nichts und um Niemand bekümmerte. Freilich humoristische Augenblicke hat wohl Jeder ; aber es kommt darauf an, ob der Humor eine beharrliche Stimmung ist, die durchs ganze Leben geht.

Einigen wird Goethes Gedicht über  Lavaters  „Physiognomischen Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe“ (4 Bände, 1775–78) und die Musäus-Erwiderung in Romanform „Physiognomische Reisen“ bekannt sein, in dem Goethe so elegant erklärt, dass der Musäustext irgendwie doch unmusisch wäre (mit Satire gab sich keine der neun Musen ab) und gleichzeitig mit der Namensdeutung spielt, wenn man davon ausgeht, der Name Musäus wäre aus dem Altgriechischen oder dem Lateinischen übernommen worden.

griech. μουσεῖος mouseîos, μοισαῖος moisaîos ‚die Musen betreffend‘

lat. mūsēus, mūsaeus ‚die Musen betreffend‘

Lavater1792

Physiognomische Reisen

Die Physiognomisten

Sollt‘ es wahr sein, was uns der rohe Wandrer verkündet,
Dass die Menschengestalt von allen sichtlichen Dingen
Ganz allein uns lüge, dass wir, was edel und albern,
Was beschränkt und groß, im Angesichte zu suchen,
Eitele Toren sind, betrogne, betrügende Toren?
Ach! Wir sind auf den dunkelnen Pfad des verworrenen Lebens
Wieder zurückgescheucht, der Schimmer zu Nächten verfinstert.

Der Dichter

Hebet eure zweifelnden Stirnen empor, ihr Geliebten!
Und verdient nicht den Irrtum, hört nicht bald diesen, bald jenen.
Habt ihr eurer Meister vergessen? Auf! Kehret zum Pindus,
Fraget dorten die Neune, der Grazien nächste Verwandte!
Ihnen allein ist gegeben, der edlen stillen Betrachtung
Vorzustehn. Ergebet euch gern der heiligen Lehre,
Merket bescheiden leise Worte. Ich darf euch versprechen:
Anders sagen die Musen, und anders sagt es Musäus.

2 Gedanken zu “Goethe und Musäus

  1. Ich wußte gar nicht, daß der Dichterfürst dermaßen schlechtgelaunt war.
    (Seine eigenen satirischen und humorigen Klänge hat er da wohl gerade vergessen…)

  2. Goethes eigene satirische und humorige Klänge sind dann wohl dem: Freilich humoristische Augenblicke hat wohl Jeder ; geschuldet. Ich hatte noch andere solcherart ablehnende Zitate gegen Musäusens Humor und steten Bereitschaft zu Scherzen von ihm gefunden, war nur zu faul, die jetzt rauszusuchen und aufzuschreiben, aber werde ich noch.

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