Textarbeit an Richilde

Was machst Du denn am Text vom  Musäus, der ist  doch ein deutscher Autor und Du murkelst da so lange rum?

Die Frage war berechtigt. Wobei, lange – dieser Zeitbegriff ist relativ. Klar habe ich länger gebraucht als man braucht, es nur auf die heutige Rechtschreibung umzusetzen. Ursprünglich wollte ich daraus ein Programm machen, es also vortragen. Aber schon beim ersten Lesen war mir klar, damit kann ich ein beliebiges Publikum, egal wie erwachsen  und gutwillig sie sind, nicht solange „bei der Stange“ halten, wie die Lesezeit dauert. Dafür hatte Musäus  seiner geschichtlichen und sprachlichen Bildung neben seiner gesteigerten Fabulierfreude, seinem Witz  und seiner Wortschöpferei einen zu breiten Raum gegeben. Das war für lesende Zeitgenossen damals wohl noch verständlich, doch muss dem heutigen Leser schon oft erklärt werden, was da so ganz nebenbei in altgriechisch oder lateinisch benannt wurde, auch haben sich die Schwerpunkte der Bildung verändert – kurzum, wenn man den Hörer bzw. Leser stets „mitnehmen“ möchte, ihn also in der Erzählung lassen , muss da was gemacht werden – so meine Intention.

Nur mal den Anfang von Richilde im Original:

Gunderich der Pfaffenfreund, Graf von Brabant, lebte um die Zeit der Kreuzzüge mit so exemplarischer Frömmigkeit, daß er den Namen des Heiligen so gut verdient hätte, als Kaiser Heinrich der Hinker; seine Hofburg sah einem Kloster ähnlich, man hörte da keine Sporen klirren, keine Rosse wiehern, keine Waffen rauschen; aber die Litaneien andächtiger Mönche und das Geklingel der Silberglocken tönten ohn Unterlaß durch die Hallen seines Palastes. Der Graf versäumte keine Messe, wohnte fleißig den Prozessionen bei und trug eine geweihte Wachskerze, wallfahrtete auch an alle heilige Örter, wo Ablaß erteilt wurde, auf drei Tagereisen weit rings um sein Hoflager. Dadurch erhielt er die Politur seines Gewissens so rein und unbefleckt, daß auch kein sündlicher Hauch daran haften konnte, dennoch wohnte bei dieser großen Gewissensruhe keine Zufriedenheit in seinem Herzen, denn er lebte in kinderloser Ehe und besaß gleichwohl große Schätze und Renten. Diese Unfruchtbarkeit nahm er als eine Strafe des Himmels an, weil, wie er sagte, seine Gemahlin zu viel eiteln Weltsinn habe.

Die Gräfin grämte sich innerlich über diesen frommen Wahn. Obgleich die Andächtelei eben nicht ihre Passion war, so wußte sie doch nicht eigentlich, wodurch sie das Strafgericht der Unfruchtbarkeit verdienet haben sollte, denn die Fruchtbarkeit ist ja nicht eben eine Prämie der weiblichen Tugend. Indessen verabsäumte sie nichts, den Himmel, wenn die Vermutung ihres Gemahls allenfalls Grund haben sollte, durch Fasten und Kasteien zu versöhnen, aber diese Bußübungen wollten nicht anschlagen, und ihre Taille wurde bei dem strengen Regime nur immer schlanker.

Ich mag ja die Sprache dieser Zeit, ich liebe auch den Grimmelshausen mit seinem abenteuerlichen Simplizissimus, doch in unserer eiligen Zeit wird so eine Art zu erzählen für viele Leser zu unerfreulich, als dass sie sich darauf einlassen könnten und sie müssen deshalb auf diese „aufklärerische Art“ Märchen zu erzählen verzichten, die den Leser doch so reich beschenkt und dabei so liebenswert unsentimental ist.
Deshalb ließ ich mich auf das Abenteuer  ein, ganz in Musäus und seine Märchen abzutauchen um ihn in das 21. Jahrhundert herüberzuholen.

  • Weiß der „normale“ Leser heute, wer Albertus Magnus war?
  • Kann er mit dem Konzil von Lyon was anfangen, oder muss ich das erklären?
  • Sind Worte wie „Pönitenz“ jetzt noch von irgendeiner Bedeutung und hier angebracht?
  • Ist die Formulierung „geistliche Benediktion“ für den heutigen Leser witzig?
  • Hat der Leser an solchen verschachtelten Nebensätzen Freude?
  • Wirkt die alte Dativform jetzt nicht  zu manierlich?

Diese und andere Fragen stellten sich mir auf jeder Seite und ich versuchte sie alle zu klären. Ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht, bisher haben noch nicht viele das e-book gekauft und von den zwei Rezensenten, die es so grandios bewertet haben, kenne ich einen aus der Märchenerzählerriege und hatte  mal von meiner Beschäftigung erzählt, keine Ahnung, inwieweit da die Pathien Em- und Sym-  (Da war ich aber eben witzig wie Musäus, was?) noch eine Rolle spielte. Bleibt mir nur abzuwarten, das ganz viele gekauft haben und dann eine Rezension schreiben möchten.

Richilde

Meine Textbearbeitung der Richilde kann man als E-Buch auf amazon erwerben, das sind ohne Vorwort gut 10.900 Wörter feinster Märchenironie  für den Preis von 0,99 €, die Illustrationen gar nicht erst erwähnt- bessere Käufe kann ein Literatur- und Märchenfreund kaum machen – meine ich jedenfalls.

Das Cover habe ich gewechselt und mich für ein mehr oder weniger einheitlichen Auftritt entschieden

Richilde

Hier kann man den Misserfolg des schönen Märchens im verkauf beobachten:

Amazon-Verkaufsrang
von NovelRank