Ferdinand Becker: Die Rolandsknappen




Die Biografie des viel zu jung gestorbenen Malers auf wikipedia:

Joseph Ferdinand Becker (* 2. Juli 1846 in Gonsenheim; † 21. August 1877 in München), auch bekannt als der „Maler Becker“, war ein Maler von Heiligenbildnissen und Märchenszenen im 19. Jahrhundert.
Der Vater Ferdinand Beckers führte in dem rheinhessischen Dorf Gonsenheim bei Mainz die Wirtschaft „Zum goldenen Stern“. Als eines Tages der vierjährige Ferdinand mit Kreide eine Jagdszene an die Wand der Wirtsstube malte, zeigte sich ein Gast, der Kunstkenner war, sehr beeindruckt von dem Gemälde des Jungen.
Nach Beendigung der Volksschule im Jahre 1860 wollte Ferdinand sich in der Malerei ausbilden lassen, doch sein Vater hinderte ihn daran, da er unbeirrbar die Ansicht vertrat: „Mein Sohn kann von der Malerkunst nicht leben“. Bei Fuhrwerkern fand der junge Ferdinand eine Beschäftigung, die darin bestand, Wagen mit Steinen zu beladen und ihnen zu Fuß zu folgen, um am Bestimmungsort die Steine wieder abzuladen. Nachts aber malte er heimlich auf seinem Zimmer.
Der Maler August Gustav Lasinsky, der in den 1860er Jahren an Kirchen in Mainz arbeitete, erkannte schließlich das künstlerische Talent Ferdinand Beckers und bildete ihn aus. Von 1865 bis 1868 restaurierte Lasinsky zusammen mit seinem Schüler Becker die Mainzer Pfarrkirche St. Ignaz. Von Beckers Kunstfertigkeit beeindruckt, vermittelte Lasinsky den jungen Maler zur weiteren Ausbildung an Professor Eduard Jakob von Steinle am Städelschen Kunstinstitut zu Frankfurt am Main. An diesem Institut hielt sich Ferdinand Becker vom 19. November 1868 bis zum 30. April 1877 auf, und in diesem Zeitraum entstanden auch die meisten seiner Werke.
Sein wohl bekanntestes Gemälde ist Die Rolandsknappen, ein Aquarellzyklus aus 5 Bildern in einem Rahmen; Die Rolandsknappen wurde durch Ausstellungen in Frankfurt, Berlin und Gonsenheim berühmt und fand überall großen Zuspruch. Zusammen mit der Stadt Mainz erwarb der Mainzer Kunstverein dieses Bild für 4.000 Mark.
Durch den Erfolg seiner Rolandsknappen in Kunstkreisen bekannt geworden, erhielt Ferdinand Becker von einem Kunsthändler in München den Auftrag über zwei größere Werke. Ende April 1877 reiste der Maler Becker nach München, wo er in den folgenden Monaten für diesen Auftrag seine Studien in der Natur vornahm. Anfang August 1877 erkrankte er ernsthaft und wurde in ein Münchener Krankenhaus eingewiesen; dort besserte sich sein Gesundheitszustand zunächst, verschlechterte sich dann aber binnen kurzem drastisch. Am 21. August 1877 verstarb Ferdinand Becker in München am Typhusfieber. Sein Leichnam wurde an seinen Geburtsort überführt auf dem Gonsenheimer Friedhof beigesetzt.
In Mainz-Gonsenheim sind ein Straßenzug und eine Schule nach Ferdinand Becker benannt, die Maler-Becker-Straße und die Maler-Becker-Schule.

Albert Lortzing: Oper Rolands Knappen oder das ersehnte Glück

Rolands Knappen
Werkdaten
Titel: Rolands Knappen (Das ersehnte Glück)
Form: Oper
Originalsprache: Deutsch
Musik: Albert Lortzing
Libretto: Albert Lortzing
Literarische Vorlage: nach Johann Karl August Musäus
Uraufführung: 1849
Ort der Uraufführung: Leipzig

Die Oper Rolands Knappen oder Das ersehnte Glück ist Albert Lortzings letzte abendfüllende Oper. Sie ist zugleich hochkomisch und tieftraurig. Mit diesem Werk reagierte der Komponist auf das Scheitern der republikanischen Aufstände von 1848.
Lortzing hat offenbar, da sein Text zahlreiche politische Anspielungen enthielt, mit „G.M.“ einen fremden Librettisten vortäuschen müssen.
Seine „Märchenoper“ folgt sehr lose dem Musäus-Märchen „Rolands Knappen“, sie erzählt die Irrfahrten dreier heimkehrender Ritterknechte des gefallenen Helden Roland.
Lortzing nutzt diese Vorlage, um in phantastischen Verkleidungen die Selbstgefälligkeit der preußischen Regierung zu spiegeln, insbesondere den Militarismus dieses Staates und die Weltfremdheit und Ignoranz des Königs Friedrich Wilhelm IV.. In einem Kehrreim wird z. B. gesungen: „Und das soll eine Weltordnung sein?“
„Rolands Knappen“ wurde 1849 in Leipzig uraufgeführt, allerdings mit starken Strichen der Zensur, das Publikum verstand dennoch, worum es ging und reagierte mit Beifall. Nach wenigen Aufführungen wurde das Stück abgesetzt, vorgeblich wegen Erkrankungen im Ensemble.
Ohne jede Zensur, also eigentlich uraufgeführt wurden „Rolands Knappen“ erst im Frühjahr 2005 in Freiberg, unter der Regie von Ingolf Huhn.

Die würde ich gern mal hören, aber ich finde nicht mal eine Tonaufnahme. ich kann mir nicht vorstellen, dass es grauenvolle Musik ist, dafür schätze ich alles mir bekannte von Lortzing zu sehr. Und das mit der „Selbstgefälligkeit der preußischen Regierung“ ist ja auch nicht überstanden, auch wenn es nicht mehr preußisch heißt sondern bundesrepublikanisch. Selbstgefälligkeit ist wohl die Folge relativ stabiler Machtverhältnisse.

Bearbeitung der Rolands-Knappen von Johann Andreas Christian Löhr

Johann Andreas Christian Löhr hat hier viel Musäus  herausgefiltert und weggeworfen:

Die Knappen Rolands.

Vom großen und gewaltigen Roland hat doch Jedes von Euch gehört, will ich wohl hoffen? Er war ja des alten Kaiser Karls des Großen Vetter, und sein bester Obergeneral, und tapfer, so tapfer, daß es ihm einerlei war, ob ihm zehntausend oder noch mehr gegenüber standen, denn er hieb sie mit Einem Streiche zu Boden. – Da war es denn eben keine Kunst, daß Kaiser Karl allezeit über seine Feinde den Sieg davon trug, wo ihm der Vetter Roland zu Hülfe war. Indeß hat Jedermann seine Stunde, wo er auch einmal unterliegen muß, möge er auch sein, wer er wolle. So war es denn auch mit dem Vetter Roland.
Karl hatte blutige Händel mit den Mohren oder Mauren, welche Spanien erobert hatten, und nun auch über das große Pyrenäengebirge gehen wollten, welches zwischen Spanien und Frankreich liegt, und mit seinen hohen Bergen eine mächtige Grenzscheide beider Länder macht. Sie wollten Frankreich, und sodann alle Länder in Europa nehmen, so weit sie nur kommen konnten, indem sie dachten, ihnen gehöre die Welt doch einmal, und darum müßten sie dieselbe auch haben. – Nun vorher und nachher haben Viele, nur dem Scheine nach wohl ein wenig anders, aber in der Hauptsache doch immer dasselbe gedacht, und gemeint, was sie haben wollten, das gehöre ihnen, wie sie es haben könnten, und Macht hätten, es zu nehmen. In der Macht liegt meistens das Recht!

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Die Chronika der drei Schwestern gibt es jetzt auf kindle-amazon

Nachdem ich auf meine Anfrage keine Antwort erhalten hatte, stellte ich es am Samstag noch einmal ein, und nun kann man es schon herunterladen.
Preis: 0,99 €, durch klick aufs Bild ist man schon da

Ich würde mich natürlich über viele Leser freuen und bin überzeugt, die Leser machen sich selbst auch eine Freude – jedenfalls wenn er Märchen mag

Was ist los mit kindle-amazon?

Am 01.09.2011 habe ich das E-Buch „Die Bücher der Chronika der drei Schwestern“ hochgeladen bekommen (Tage zuvor hat das einfach nicht klappen wollen) und seitdem steht das in der „Überprüfung“, bis heute.

Dabei heißt es:

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zwei bis drei Werktage vergehen bei mir aber wesentlich schneller….

Simon Musäus

Könnte mehr als nur Namensvetter von „unserem“ Musäus gewesen sein…

Biographie Simon Musäus

Simon Musäus (Meussel) wurde 1529, drei Tage vor Ostern, zu Vorscha, einem Dorfe bei Cotwitz an der märkischen Gränze, geboren. Seine Ältern, Simon und Hedwig, waren fromme und thätige Bauern. Doch zeichnete sich der Vater durch grosses Talent zu kunstreichen Arbeiten, vorzüglich zur Erfindung und Verfertigung mechanischer Instrumente, aus. Die Gaben seines Sohnes früh erkennend, sandte er ihn auf die vortreffliche Schule zu Cotwitz und im vierzehnten Lebensjahre auf die Universität zu Frankfurt an der Oder. Hier trieb er die sieben freien Künste, hörte Theologie bei Massilius, Politik bei Georg Sabinus, dem Schwiegersohn Melanchthon’s, und Medicin bei Arian. 1545 ging er nach Wittenberg, wo er den Unterricht Luther’s und Melanchthon’s genoss. Letzterer empfahl ihn 1547 zum Lehrer der griechischen Sprache nach Nürnberg. Hier leitete Simon zugleich die Erziehung der Kinder eines Rathsherrn aus dem vornehmen Geschlechte der Tucher. Auch predigte er oft mit grossem Beifall. Schon 1549 wurde er zum Pfarrer nach Fürstenwalde in der Mark berufen. Doch wusste der Bischof von Lebus, ein heftiger Feind des Evangeliums, bereits 1551 seine Dimission zu erwirken. 1552 ging Musäus als Pfarrer nach Crosen an der Oder. Als aber hier die Obrigkeit für weniges Geld ganze Dörfer um Crosen aufkaufte, die armen Einwohner ausziehen hiess und zur Anlegung neuer Wohnungen und Fischteiche an anderen Orten mit Frohndiensten belastete, erhob Musäus seine warnende und drohende Stimme. Darüber mit den Angesehenen der Stadt verfeindet und von ihnen verfolgt, musste er zum zweiten Male in’s Exil gehen. Doch wurde er noch in demselben Jahre an Eobanus Hessus Stelle zum Pastor an die Elisabethskirche zu Breslau berufen. Hier wirkte er in Segen und mit grosser Freudigkeit, bis sein Eifern gegen den Papismus, in’s Besondere seine Weigerung, in dem Liebe „erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ anstatt „des Papst und Türken Mord,“ „des Teufels und Türken Mord“ singen zu lassen, ihm auf’s neue die Absetzung zuzog (1558). Bald darauf erfolgte seine Anstellung zum Superintendenten in Gotha. Nicht nur seine dortigen Gemeindeglieder, sondern auch die ihm untergeordneten Prediger waren ihm sehr ergeben. Die Pastoren auf dem Lande versäumten bei ihm in der Woche keine Predigt. Die Fürsten von Sachsen beehrten ihn mit der einträglichen Propstei zu Eisfeld in Franken. 1560 ging M. nach Jena, von wo aus er schon in Breslau das theologische Doctordiplom empfangen hatte, zur Professur. Sofort wurde er in die Strigelschen Streitigkeiten verwickelt. Auf dem zu Weimar im August zwischen Flacius und Strigel abgehaltenen Colloquium führte er den Vorsitz. Die Extravaganzen der Flaciusschen Partei stimmten den Herzog Johann Friedrich milder gegen den Strigelschen Synergismus. Er verjagte desshalb mit den hyperorthodoxen Professoren und Predigern zugleich die orthodoxen, unter ihnen auch Musäus, der sich nach Bremen wandte und die dortige Superintendentur übernahm. Als jedoch daselbst der Calvinismus siegte, musste M. mit Gefahr seines Lebens die Stadt verlassen (1562). Bald darauf wurde er Superintendent in Schwerin, 1565 aber zu Gera. Hier copulierte er (am 4. Febr. 1568) seine älteste Tochter Barbara mit D. Tilemann Heshusus, vollendete seine evangelische und epistolische Postille und wehrte in einer bündigen Declaration den Verdacht des Flacianismus von sich ab. Doch brachte ihn seine Eifer gegen die Sectirer in den Ruf der Zanksucht, und die Fürsten von Reuss entschlossen sich, aus Furcht vor der Ungnade des Churfürsten August von Sachsen, ihn zu entlassen. Hierauf folgte er einem Rufe zum Superintendenten nach Thoren (1568). Bald jedoch fand er an dem Bischofe von Thoren, vorzüglich in Folge seine Katechismuserklärung, einen erbitterten Feind, welcher den König von Polen bewog, den Rath zu Thoren mit Musäus’ Dimission zu beauftragen. Johann Wilhelm, der Gründer der Universität Jena und der Beschützer der lutherschen Orthodoxie, berief ihn 1570 nach Coburg. Als aber nach seinem Tode Churfürst August die vormundschaftliche Regierung übernahm (1573), wurde Musäus mit allen Geistlichen und Professoren, welche den luthersch-philippistischen Consensus verwarfen, abgesetzt. Der Statthalter von Coburg, der ihn verehrte, versah ihn mit Reisegeld und liess ihn in seinem Wagen bis nach Erfurt fahren. Hierauf lebte M. eine Zeitlang in Braunschweig, wo er seine Tochter Maria an M. Daniel Hofmann, den späteren berühmten Professor zu Helmstedt, verheirathete. Von Braunschweig lud ihn ein Herr von Ummendorf auf sein Gut bei Magdeburg ein. Dort genoss er mit Weib und Kind einer freundlichen Herberge, bis er eine neue Anstellung zu Soest in Westphalen erhielt. „Daselbsten ist er nicht lange gewesen, von desswegen, dass er sein Strafamt und christlichen Eifer über und wider die im Schwange gehenden Sünden, der ich der löblichen Stadt zu Ehren schweige, nicht konnte Amts und Gewissens halber unterlassen, und weil fast die Vornehmsten der Stadt im Regimente sassen, Einer dem Andern zum Gefallen die öffentlichen Laster dissimulirten, welche ihm ein gross Herzleid und Verhinderung seines Amtes war, ist er unter dem Schein, man könnte eine ganze gemeine Bürgerschaft aus Besorgung allerlei Auflaufs und Gefahr nicht also im Zaume halten, wie es wohl Gottes Wort und das Strafamt erforderte, von E. E. Rathe dimittirt worden, dass also an diesem Orte das liebe Strafamt und Gesetze Gottes keinen Locum gehabt, und hat man in Vocatione sich nicht vermuthet, dass man an seiner Person einen solchen Johannem Baptistam haben würde, der dem Herodi durfte in Faciem sagen: Es ist nicht recht, dass du deines Bruders Weib habest; darum musste er auch den Kopf verlieren.“ (Joh. Musäus.) Seine letzte Stelle fand M. 1580 im Thale Mansfeld. Er trug Viel dazu bei, die dortige, von den flacianischen Streitigkeiten zerrüttete Gemeinde zur Einfalt des lutherschen Katechismus zurückzuführen, starb aber schon am 11. Juli 1582, „in wahrer Anrufung des eingeborenen Sohnes Jesu Christi.“ Er liegt in der Pfarrkirche zu Mansfeld begraben. Die Leichenpredigt hielt ihm Hieronymus Mencel. Musäus hat zehn Exile ausgestanden und an keinem Orte länger als drei Jahre fungirt.

M.’s Predigten sind textestief, frisch und bilderreich. Sie theilen den Text in einzelne Lehrpunkte und endigen immer mit der „Summa des Evangelii (oder der Epistel) in’s Gebet verfasset.“

Schriften: Predigten vom heil. Abendmahle. Ursel. 1558. Melancholischer Teufel. Jena 1572. 8. Sententia de peccato originis, quod non sit substantia. Jen. 1572. 4. Catechismus. Francof. 1575. fol. Postilla, das ist, Auslegung der Episteln und Evangelien. Frankf. a. M. 1579. fol. Auslegung des ersten Buches Mosis. Magdeb. 1595. fol.

8. Curriculum vitae Simonis Musaei in der Sammlung von alten und neuen theologischen Sachen. Jahrg. 1720. S. 571 ff., verfasst vom unterschriebenen: „Johannes Musaeus, Filius Senior B. Doctoris Musaei, cui Aeta parentis erant cognita, ad intensas preces filii sui Johannis Musaei junioris, pastoris in Langenwiesen, memoriae ergo composuit.“ Zeumeri Vitae profess. Jen. p. 40.

Quelle: Beste, Wilhelm – Die bedeutendsten Kanzelredner der lutherschen Kirche des Reformationszeitalters

Textarbeit an Rolands Knappen

… steht als nächstes an und macht mir schon einiges Kopfzerbrechen. Was hat den Herrn Musäus da nur geritten, da hat er seine gesamte Gelehrtheit ganz unnötiger Weise zwischen die Zeilen eines Märchens gestreut,das auch noch über abgenötigen Sex berichtet. Wie ich den Spagat hinbekomme, daraus ein leicht zu lesendes Märchen zu machen, dass trotzdem ganz Musäus bleibt, weiß ich jetzt noch nicht, wohl aber, dass es eine lange Bearbeitungszeit erfordert.
Hier eine kleine Kostprobe:

Die glimmende Asche ihres Häufleins hob sich empor, darauf folgte Andiols und hernach Amarins Häuflein, nur Sarrons Aschenhaufen blieb auf der Tafel zurück, wegen Schwere und Dichtigkeit der Kugel. Darauf umfaßte die Alte ihren Schlafkompan herzhaft, zog ihn zur Kammer hinein, und er folgte ihr schaudernd mit berganstehndem Haar, wie der Dieb dem Schergen zur Leiter am Hochgericht. Es war traun ein harter Strauß für den armen Wicht, neben einem solchen Furchtgerippe zu pernoktieren. Wenn die Alte eine Ninon de l’Enclos gewesen war, die in ihrem höchsten Stufenjahre, nachdem sie neunmal neun Sommer durchlebt hatte, noch so viel Reize besaß, daß ihr Sohn unerkannterweise gegen sie in heißer Liebe entbrannte, so wär das Abenteuer allenfalls noch zu bestehen gewesen. Aber der Zahn der Zeit hatte also an ihrer Gestalt gezehrt, daß das Konterfei der hundertjährigen Jungfer aus den physiognomischen Fragmenten, oder der Hexe zu Endor, nach dem Holzschnitt der Wittenberger Bibelausgabe, gegen ihre Fratze noch immer für Schönheiten gelten konnten. Der Mutter Natur hat es beliebt, die äußersten Grenzlinien der Schönheit und Häßlichkeit in dem weiblichen Körper zu vereinbaren; das höchste Ideal der Schönheit ist ein Weib, und das höchste Ideal der Häßlichkeit ist auch ein Weib, und es ist eine etwas demütigende Bemerkung für stolze Schönen, daß diese beiden Endpunkte gewöhnlich in einer und der nämlichen Person, wiewohl in ganz verschiedenen Epoken, zusammentreffen. Andiols Sultanin stund auf der äußersten Abstufung der Menschengestalt, weit unter der berufenen Baschkirenphysiognomie, und schien das non plus ultra der Häßlichkeit zu sein; ob sie das auch ehemals in Absicht der Schönheit war, ist nicht leicht auszumachen.
Diese einsame Bewohnerin der Pyrenäen hauste hier schon seit verschiedenen Menschenaltern, ihr Leben maß beinahe die Hälfte der Jahre von den zwölf Matronen, welchen irgend eine andächtige Fürstin in der Karwoche die Füße zu waschen pflegt. Sie war die letzte Sprosse aus dem Stamm der Druiden, besaß die ganze Verlassenschaft aller Geheimnisse und Künste der aussterbenden Sippschaft, und stammte in gerader Linie von der berühmten Veleda ab [Fußnote]. die ihrer Großmutter Ältermutter gewesen war. Alle Kräfte der Natur waren ihr Untertan, sie kannte die Wirkung der Kräuter und Wurzeln so gut als die Influenzen der Gestirne, sie wußte köstliche Tinkturen zu bereiten, auch verfertigte sie eine bewährte Wunderessenz, die alles das leistete, was die Schwersche in Altona verspricht, nur mit dem verjüngenden Balsam wollt es ihr nie gelingen, welchen der Marquis d’Aymar, auch Belmar genannt, gegenwärtig in Venedig zu erfragen, endlich zu erkünsteln gewußt hat, und der so wirksam sein soll, daß eine alte Dame, die sich zu stark damit rieb, in den Stand eines Embryo zurück versetzt wurde [Fußnote]. In der Magie war sie Meisterin, und die geheimnisvolle Mistel der Druiden verwandelte sich in ihrer Hand in den Zauberstab der Circe; nicht minder wußte sie durch angereihete Schlangenaugen Herrengunst und Frauenliebe zu erwecken, wenn die Person, welche dieses kräftige Amulett an sich trug, anders tauglich war, eine erotische Vegetation zu bewirken, denn was die gute Mutter selbst betraf, so blieben die neun Reihen Schlangenaugen, die sie wie Perlenschnuren um den Hals trug, bei ihr selbst unwirksam. Für das belmarsche Rezept hätte sie gern ihre Hausoffizin, nebst den neun Schnuren Schlangenaugen und dem magischen Apparatus vertauscht; aber der Prozeß zu dieser herrlichen Komposition war zu ihrer Zeit noch nicht erfunden, folglich blieb ihr von den zwei Lieblingswünschen der Menschen: lange leben und jung sein, nur der erste erreichbar. In Ermangelung des spezifischen Mittels hielt sie sich, was den zweiten betraf, an ein Surrogat, das eben nicht zu verachten war. Mit der Lauersamkeit einer Spinne saß sie in dem Mittelpunkt ihres magischen Gewebes, und haschte jeden peregrinierenden Weltbürger auf, der sich in ihr Zaubernetz verwickelte. Alle Wanderer, die ihr Territorium betraten, zwang sie zu ihrer Bettgenossenschaft, wenn sie sich zu diesem diätetischen Gebrauch qualifizierten, und eine solche gesellige Nacht verjüngte sie jederzeit um dreißig Jahr; denn nach dem Lehrsatz des Celsus sog ihr ausgetrockneter Körper alle gesunden jugendlichen Exhalationen des rüstigen Schlafgesellen gierig ein. Außerdem verabsäumte sie nie, abends vor Schlafgehen mit Igelfett den alten Pergamenband ihrer Haut wohl zu salben, sie lind und schmeidig zu erhalten, um nicht bei lebendigem Leibe zur Mumie zu werden.
Ohne das Gesetz der Keuschheit weder mit Gedanken, Worten oder Werken im mindesten zu verletzen, hatten die drei Knappen genotdrungen der Alten den verlangten Ehrendienst geleistet…

Was bedeutet pernoktieren? Schlafen, niederlegen, übernachten?
Scheint ja in der damaligen Zeit ein manchmal verwendeter Begriff gewesen zu sein, ich finde ihn leider nicht im Grimmschen Wörterbuch, aber bei Jean Paul und auch in einer Abhandlung über Judenvertreibung im 17. Jhd. in der es dann heißt:

… zum Übernachten zu erteilen sei, weil das kaisl. Reskript nur das Verbot, sich da-seihst seßhaft zu machen, für ewige Zeiten ausspreche, vom Handeln und Pernoktieren aber nichts erwähne, so äußerten sie auch im Berichte über die zweite Kommission dieselbe gutachtliche Meinung, sie noch mit dem Hinweise auf das 1658 …

Quelle:Jews and Jewish Communities of Bohemia (Hugo Gold; 1934), image 249 {h4}
Source: Kramerius Digital Library, National Library of the Czech Republic

Ist „pernoktieren“ vielleicht eine Ableitung aus dem Lateinischen, und per – eine Vorsilbe?
Übernachten wäre jetzt nach allem, was ich zusammengetragen habe mein Favorit,obwohl es ja um Beischlaf geht, aber ich geh mal eine Latein-Fachfrau fragen.

Das ist jetzt geklärt, jetzt frag ich mich: wer, um Himmels Willen, ist , bzw. war  Ninon de l’Enclos? Und kann ich die dann erklären oder sollte ich die dann besser gleich gegen  gleichartig zeitgenössisches austauschen, um die von Musäus erwartete Wirkung auf den Leser zu erreichen? Und so zieht sich das von Passage  zu Passage …

und macht Spass.

Joachim Christian Friedrich Schulz über Musäus

Joachim Christian Friedrich Schulz (auch: Joachim Christoph Friedrich Schulz / Schultz, und gemeinhin als Friedrich Schulz gegeben) wurde geboren 1. Januar 1762 in Magdeburg und starb 27. September / 9. Oktober 1798 in Mitau.
Während seines kurzen Lebens wurde Schulz eine der beliebtesten Autoren seiner Zeit, er übersetzte und schrieb sowohl Romane als auch Sachbücher und war wichtiger Augenzeuge von aktuellen Ereignissen.
Seine bekanntesten Werke sind seine Reisen von Riga nach Warschau (1795-1796), die eine kluge Auseinandersetzung mit den Ereignissen rund um die zweite Teilung Polens umfasst und die „Geschichte der großen französischen Revolution“(1789, 1791).
Schulz berichtete  in der Literarische Reise durch Deutschland (Wien, 1785-1786) auch über Weimar und bedachte Herder, Wieland und Goethe mit längeren Ausführungen. Über Musäus schrieb er:

Die litterarische Celebrität dieses Mannes hat sich so auf einmal und so allgemein verbreitet, daß ich kein ähnliches Beyspiel in unserer Litteratur wüßte. Aber seine Manier hat auch allerdings sehr viel Eigenes und Orginelles.