Textarbeit an Rolands Knappen

… steht als nächstes an und macht mir schon einiges Kopfzerbrechen. Was hat den Herrn Musäus da nur geritten, da hat er seine gesamte Gelehrtheit ganz unnötiger Weise zwischen die Zeilen eines Märchens gestreut,das auch noch über abgenötigen Sex berichtet. Wie ich den Spagat hinbekomme, daraus ein leicht zu lesendes Märchen zu machen, dass trotzdem ganz Musäus bleibt, weiß ich jetzt noch nicht, wohl aber, dass es eine lange Bearbeitungszeit erfordert.
Hier eine kleine Kostprobe:

Die glimmende Asche ihres Häufleins hob sich empor, darauf folgte Andiols und hernach Amarins Häuflein, nur Sarrons Aschenhaufen blieb auf der Tafel zurück, wegen Schwere und Dichtigkeit der Kugel. Darauf umfaßte die Alte ihren Schlafkompan herzhaft, zog ihn zur Kammer hinein, und er folgte ihr schaudernd mit berganstehndem Haar, wie der Dieb dem Schergen zur Leiter am Hochgericht. Es war traun ein harter Strauß für den armen Wicht, neben einem solchen Furchtgerippe zu pernoktieren. Wenn die Alte eine Ninon de l’Enclos gewesen war, die in ihrem höchsten Stufenjahre, nachdem sie neunmal neun Sommer durchlebt hatte, noch so viel Reize besaß, daß ihr Sohn unerkannterweise gegen sie in heißer Liebe entbrannte, so wär das Abenteuer allenfalls noch zu bestehen gewesen. Aber der Zahn der Zeit hatte also an ihrer Gestalt gezehrt, daß das Konterfei der hundertjährigen Jungfer aus den physiognomischen Fragmenten, oder der Hexe zu Endor, nach dem Holzschnitt der Wittenberger Bibelausgabe, gegen ihre Fratze noch immer für Schönheiten gelten konnten. Der Mutter Natur hat es beliebt, die äußersten Grenzlinien der Schönheit und Häßlichkeit in dem weiblichen Körper zu vereinbaren; das höchste Ideal der Schönheit ist ein Weib, und das höchste Ideal der Häßlichkeit ist auch ein Weib, und es ist eine etwas demütigende Bemerkung für stolze Schönen, daß diese beiden Endpunkte gewöhnlich in einer und der nämlichen Person, wiewohl in ganz verschiedenen Epoken, zusammentreffen. Andiols Sultanin stund auf der äußersten Abstufung der Menschengestalt, weit unter der berufenen Baschkirenphysiognomie, und schien das non plus ultra der Häßlichkeit zu sein; ob sie das auch ehemals in Absicht der Schönheit war, ist nicht leicht auszumachen.
Diese einsame Bewohnerin der Pyrenäen hauste hier schon seit verschiedenen Menschenaltern, ihr Leben maß beinahe die Hälfte der Jahre von den zwölf Matronen, welchen irgend eine andächtige Fürstin in der Karwoche die Füße zu waschen pflegt. Sie war die letzte Sprosse aus dem Stamm der Druiden, besaß die ganze Verlassenschaft aller Geheimnisse und Künste der aussterbenden Sippschaft, und stammte in gerader Linie von der berühmten Veleda ab [Fußnote]. die ihrer Großmutter Ältermutter gewesen war. Alle Kräfte der Natur waren ihr Untertan, sie kannte die Wirkung der Kräuter und Wurzeln so gut als die Influenzen der Gestirne, sie wußte köstliche Tinkturen zu bereiten, auch verfertigte sie eine bewährte Wunderessenz, die alles das leistete, was die Schwersche in Altona verspricht, nur mit dem verjüngenden Balsam wollt es ihr nie gelingen, welchen der Marquis d’Aymar, auch Belmar genannt, gegenwärtig in Venedig zu erfragen, endlich zu erkünsteln gewußt hat, und der so wirksam sein soll, daß eine alte Dame, die sich zu stark damit rieb, in den Stand eines Embryo zurück versetzt wurde [Fußnote]. In der Magie war sie Meisterin, und die geheimnisvolle Mistel der Druiden verwandelte sich in ihrer Hand in den Zauberstab der Circe; nicht minder wußte sie durch angereihete Schlangenaugen Herrengunst und Frauenliebe zu erwecken, wenn die Person, welche dieses kräftige Amulett an sich trug, anders tauglich war, eine erotische Vegetation zu bewirken, denn was die gute Mutter selbst betraf, so blieben die neun Reihen Schlangenaugen, die sie wie Perlenschnuren um den Hals trug, bei ihr selbst unwirksam. Für das belmarsche Rezept hätte sie gern ihre Hausoffizin, nebst den neun Schnuren Schlangenaugen und dem magischen Apparatus vertauscht; aber der Prozeß zu dieser herrlichen Komposition war zu ihrer Zeit noch nicht erfunden, folglich blieb ihr von den zwei Lieblingswünschen der Menschen: lange leben und jung sein, nur der erste erreichbar. In Ermangelung des spezifischen Mittels hielt sie sich, was den zweiten betraf, an ein Surrogat, das eben nicht zu verachten war. Mit der Lauersamkeit einer Spinne saß sie in dem Mittelpunkt ihres magischen Gewebes, und haschte jeden peregrinierenden Weltbürger auf, der sich in ihr Zaubernetz verwickelte. Alle Wanderer, die ihr Territorium betraten, zwang sie zu ihrer Bettgenossenschaft, wenn sie sich zu diesem diätetischen Gebrauch qualifizierten, und eine solche gesellige Nacht verjüngte sie jederzeit um dreißig Jahr; denn nach dem Lehrsatz des Celsus sog ihr ausgetrockneter Körper alle gesunden jugendlichen Exhalationen des rüstigen Schlafgesellen gierig ein. Außerdem verabsäumte sie nie, abends vor Schlafgehen mit Igelfett den alten Pergamenband ihrer Haut wohl zu salben, sie lind und schmeidig zu erhalten, um nicht bei lebendigem Leibe zur Mumie zu werden.
Ohne das Gesetz der Keuschheit weder mit Gedanken, Worten oder Werken im mindesten zu verletzen, hatten die drei Knappen genotdrungen der Alten den verlangten Ehrendienst geleistet…

Was bedeutet pernoktieren? Schlafen, niederlegen, übernachten?
Scheint ja in der damaligen Zeit ein manchmal verwendeter Begriff gewesen zu sein, ich finde ihn leider nicht im Grimmschen Wörterbuch, aber bei Jean Paul und auch in einer Abhandlung über Judenvertreibung im 17. Jhd. in der es dann heißt:

… zum Übernachten zu erteilen sei, weil das kaisl. Reskript nur das Verbot, sich da-seihst seßhaft zu machen, für ewige Zeiten ausspreche, vom Handeln und Pernoktieren aber nichts erwähne, so äußerten sie auch im Berichte über die zweite Kommission dieselbe gutachtliche Meinung, sie noch mit dem Hinweise auf das 1658 …

Quelle:Jews and Jewish Communities of Bohemia (Hugo Gold; 1934), image 249 {h4}
Source: Kramerius Digital Library, National Library of the Czech Republic

Ist „pernoktieren“ vielleicht eine Ableitung aus dem Lateinischen, und per – eine Vorsilbe?
Übernachten wäre jetzt nach allem, was ich zusammengetragen habe mein Favorit,obwohl es ja um Beischlaf geht, aber ich geh mal eine Latein-Fachfrau fragen.

Das ist jetzt geklärt, jetzt frag ich mich: wer, um Himmels Willen, ist , bzw. war  Ninon de l’Enclos? Und kann ich die dann erklären oder sollte ich die dann besser gleich gegen  gleichartig zeitgenössisches austauschen, um die von Musäus erwartete Wirkung auf den Leser zu erreichen? Und so zieht sich das von Passage  zu Passage …

und macht Spass.

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Textarbeit an Richilde

Was machst Du denn am Text vom  Musäus, der ist  doch ein deutscher Autor und Du murkelst da so lange rum?

Die Frage war berechtigt. Wobei, lange – dieser Zeitbegriff ist relativ. Klar habe ich länger gebraucht als man braucht, es nur auf die heutige Rechtschreibung umzusetzen. Ursprünglich wollte ich daraus ein Programm machen, es also vortragen. Aber schon beim ersten Lesen war mir klar, damit kann ich ein beliebiges Publikum, egal wie erwachsen  und gutwillig sie sind, nicht solange „bei der Stange“ halten, wie die Lesezeit dauert. Dafür hatte Musäus  seiner geschichtlichen und sprachlichen Bildung neben seiner gesteigerten Fabulierfreude, seinem Witz  und seiner Wortschöpferei einen zu breiten Raum gegeben. Das war für lesende Zeitgenossen damals wohl noch verständlich, doch muss dem heutigen Leser schon oft erklärt werden, was da so ganz nebenbei in altgriechisch oder lateinisch benannt wurde, auch haben sich die Schwerpunkte der Bildung verändert – kurzum, wenn man den Hörer bzw. Leser stets „mitnehmen“ möchte, ihn also in der Erzählung lassen , muss da was gemacht werden – so meine Intention.

Nur mal den Anfang von Richilde im Original:

Gunderich der Pfaffenfreund, Graf von Brabant, lebte um die Zeit der Kreuzzüge mit so exemplarischer Frömmigkeit, daß er den Namen des Heiligen so gut verdient hätte, als Kaiser Heinrich der Hinker; seine Hofburg sah einem Kloster ähnlich, man hörte da keine Sporen klirren, keine Rosse wiehern, keine Waffen rauschen; aber die Litaneien andächtiger Mönche und das Geklingel der Silberglocken tönten ohn Unterlaß durch die Hallen seines Palastes. Der Graf versäumte keine Messe, wohnte fleißig den Prozessionen bei und trug eine geweihte Wachskerze, wallfahrtete auch an alle heilige Örter, wo Ablaß erteilt wurde, auf drei Tagereisen weit rings um sein Hoflager. Dadurch erhielt er die Politur seines Gewissens so rein und unbefleckt, daß auch kein sündlicher Hauch daran haften konnte, dennoch wohnte bei dieser großen Gewissensruhe keine Zufriedenheit in seinem Herzen, denn er lebte in kinderloser Ehe und besaß gleichwohl große Schätze und Renten. Diese Unfruchtbarkeit nahm er als eine Strafe des Himmels an, weil, wie er sagte, seine Gemahlin zu viel eiteln Weltsinn habe.

Die Gräfin grämte sich innerlich über diesen frommen Wahn. Obgleich die Andächtelei eben nicht ihre Passion war, so wußte sie doch nicht eigentlich, wodurch sie das Strafgericht der Unfruchtbarkeit verdienet haben sollte, denn die Fruchtbarkeit ist ja nicht eben eine Prämie der weiblichen Tugend. Indessen verabsäumte sie nichts, den Himmel, wenn die Vermutung ihres Gemahls allenfalls Grund haben sollte, durch Fasten und Kasteien zu versöhnen, aber diese Bußübungen wollten nicht anschlagen, und ihre Taille wurde bei dem strengen Regime nur immer schlanker.

Ich mag ja die Sprache dieser Zeit, ich liebe auch den Grimmelshausen mit seinem abenteuerlichen Simplizissimus, doch in unserer eiligen Zeit wird so eine Art zu erzählen für viele Leser zu unerfreulich, als dass sie sich darauf einlassen könnten und sie müssen deshalb auf diese „aufklärerische Art“ Märchen zu erzählen verzichten, die den Leser doch so reich beschenkt und dabei so liebenswert unsentimental ist.
Deshalb ließ ich mich auf das Abenteuer  ein, ganz in Musäus und seine Märchen abzutauchen um ihn in das 21. Jahrhundert herüberzuholen.

  • Weiß der „normale“ Leser heute, wer Albertus Magnus war?
  • Kann er mit dem Konzil von Lyon was anfangen, oder muss ich das erklären?
  • Sind Worte wie „Pönitenz“ jetzt noch von irgendeiner Bedeutung und hier angebracht?
  • Ist die Formulierung „geistliche Benediktion“ für den heutigen Leser witzig?
  • Hat der Leser an solchen verschachtelten Nebensätzen Freude?
  • Wirkt die alte Dativform jetzt nicht  zu manierlich?

Diese und andere Fragen stellten sich mir auf jeder Seite und ich versuchte sie alle zu klären. Ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht, bisher haben noch nicht viele das e-book gekauft und von den zwei Rezensenten, die es so grandios bewertet haben, kenne ich einen aus der Märchenerzählerriege und hatte  mal von meiner Beschäftigung erzählt, keine Ahnung, inwieweit da die Pathien Em- und Sym-  (Da war ich aber eben witzig wie Musäus, was?) noch eine Rolle spielte. Bleibt mir nur abzuwarten, das ganz viele gekauft haben und dann eine Rezension schreiben möchten.